Viktor



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Sein neues Leben beginnt, als er versucht, sich das Leben zu nehmen. Heute lebt er ohne Beine in Italien und leistet Aufklärungs- und Präventionsarbeit zu den Themen Depressionen und Suizid. Viktor Staudt erklärt uns, welche Entwicklung er durchgemacht hat und wie man anderen Menschen das Leben retten kann.


Jahrelang kämpfte er gegen seine Depressionen -  ohne zu wissen, dass er überhaupt depressiv ist. Er litt vor allem unter starken Angst- und Panikattacken. „Die können einem das Leben richtig schwer machen!“, erinnert sich Viktor an diese Zeit zurück. Selbst Kleinigkeiten wie einkaufen gehen oder sich mit jemandem zu unterhalten, ganz alltägliche Dinge, werden dadurch beeinflusst. Ihm wird klar, dass er etwas dagegen tun muss. Er versucht es mit noch mehr Sport. Nach einiger Zeit realisiert er, dass sein Leiden nicht endet, sondern schlimmer wird. Genau dann wuchs ein zweites Problem: die Verzweiflung. „Wie soll es jetzt noch weitergehen?“, fragte er sich damals. Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit sorgen dafür, dass er den Überblick verliert und den Entschluss fasst, seinem Leben ein Ende zu setzen.


Die richtige Diagnose war entscheidend


„Als ich im Krankenhaus aufgewacht bin, konnte mir niemand sagen, wie es weitergehen wird und ob es besser wird.“, erzählt Viktor. Eine Ärztin sagte ihm damals, dass er nun nicht mehr nur ein Problem, sondern zwei Probleme hätte. Abgesehen von den allbekannten Schwierigkeiten, die Menschen im Rollstuhl haben, leidet Viktor auch unter Phantomschmerzen. Das heißt, er spürt seine Beine, obwohl sie nicht mehr da sind. „Ich trage Schuhe, die zwei Nummern zu klein sind.“, beschreibt er das Gefühl. Vor fast 18, im November 1999, Jahren sprang er vor einen Zug in Amsterdam und verlor dabei beide Beine.

Erst fünf Jahre später traf er eine Ärztin, die alles veränderte. Die Angst- und Panikattacken blieben nach dem Pyrrhussieg - ein "Erfolg" mit hohem Einsatz - dem Verlust seiner Beine. Die Ärztin half ihm zu verstehen, dass er unter einer Depression leidet und wie es vermutlich zu seiner Erkrankung kam. „Erst dann habe ich eingesehen, dass es vielleicht sinnvoll wäre, eine Therapie zu machen.“, beschreibt Viktor. Schon Jahre zuvor holte er sich Hilfe bei Therapeuten und Ärzten - seine Erkrankung, die Depression, wurde jedoch nie beim Namen genannt, nicht einmal erkannt. Als seine Ärztin 2005 die Depression erkannte, zweifelte Viktor sehr an der Diagnose, entschied sich aber für eine Behandlung mit Antidepressiva - die ihm schließlich das Leben retteten.  Nach sechs Jahren setzte er die Medikamente ab und die Angst- und Panikattacken kamen zurück. Heute erklärt er:


„Es ist für mich absolut in Ordnung, wenn ich das für den Rest meines Lebens weiter nehmen werde. Es ist keine Schande, ein Antidepressivum auszuprobieren und man braucht keine Angst davor zu haben, abhängig zu werden.“ - Viktor Staudt

Ein neues Leben beginnt


Am Anfang waren seine Familie und auch seine Freunde erst einmal schockiert. „Es passiert nicht selten, dass du die anderen wieder aufbauen musst, obwohl du derjenige bist, der ohne Beine daliegt.“ Nach einiger Zeit akzeptieren die Menschen, was passiert ist und das Leben geht für sie weiter. „Da trennen sich die Wege und die Einfühlsamkeit schwindet.“, sagt Viktor. Weil er heute einen Weg gefunden hat, ohne diese Angst- und Panikattacken zu leben, ist er froh, überlebt zu haben. „Jetzt habe ich die Chance bekommen, das Leben noch einmal erleben zu dürfen.“, sagt er überzeugt. Viktor hat die Möglichkeit, seine Geschichte zu erzählen und anderen Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie er vor achtzehn Jahren, zu helfen und zu ermutigen weiter nach Hilfe zu suchen.


Viktor erkundigte sich, ob er auch weiterhin Sport machen könnte. Als er eines Tages schwimmen war, begegnete er einer Fotografin, die für ihr Studium eine Bilderreihe mit ihm machen wollte. „Ich habe die Bilder gesehen und da wurde mir bewusst: Ja, ich bin noch da.“, beschreibt Viktor dieses Schlüsselerlebnis. Es war ein Punkt, der ihm Hoffnung auf eine positivere Zukunft gab.


Was kannst du Menschen mit auf den Weg geben, die depressiv sind und nicht mehr leben wollen?

Es ist nicht einfach einen Arzt zu finden, bei dem man sich wohlfühlt. Das sei aber eine Voraussetzung, damit es einem besser gehen kann. „Ärzte sind keine Zauberer, deswegen ist eine gute persönliche Beziehung wichtig. Suche da einfach weiter und gib nicht auf!“ Etwas, das Viktor immer wieder betont: „Du setzt deinen Problemen ein Ende, nicht deinem Leben. Du möchtest schon leben, aber ohne deine Probleme und dafür suchst du eine Lösung.“ Zum Schluss sagt er: „Du bist nicht alleine!“


Für alle, die gerne seine ganze Lebensgeschichte erfahren würden, ist sein Buch „Die Geschichte meines Selbstmords“ interessant. Darin behandelt er das Tabuthema Suizid und hilft anderen Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie er damals. Er widmet sein Leben der Suizidprävention und hält viele Vorträge und Workshops, um viele Menschen vor einem Schicksal zu bewahren.


Geschrieben von LAG






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